Der Stadt auf den Grund gegangen

Der Stadt auf den Grund gegangen


Rund 44 Millionen Liter Mineralwasser steigen in Stuttgart täglich aus dem Untergrund auf – ein Vorkommen, das in Europa nur von Budapest übertroffen wird. Trotz dieser Dimension bleibt der natürliche Reichtum im Alltag vieler Menschen eher unauffällig. Die Quellen liegen oft unscheinbar in Parks oder an Straßenrändern, doch sie prägen die Stadt seit Jahrhunderten.

Geologische Grundlage

Stuttgart liegt auf einem geologischen Schatz – einem komplexen System aus mineralisierten Grundwasserströmen, das sich über mehrere Schichten des Untergrunds erstreckt. Vor allem im Stadtbezirk Bad Cannstatt treten zahlreiche Quellen zutage. Das Wasser steigt aus großer Tiefe auf, erwärmt sich dabei und reichert sich mit Mineralstoffen wie Natrium, Calcium, Magnesium, Kalium und Kohlensäure an.

Historische Entwicklung

Die Nutzung der Quellen ist seit der Römerzeit belegt. Im 19. Jahrhundert entstanden Badehäuser und Kureinrichtungen, die Cannstatt zu einem bedeutenden Heilbad machten. Das Mineralwasser galt als therapeutisch wirksam und wurde für Trinkkuren, Bäder und Inhalationen verwendet. Später entwickelte sich ein reger Kurtourismus, der das Stadtbild prägte. Mit dem Wandel des Gesundheitswesens und dem Rückgang klassischer Kuraufenthalte verlor dieser Wirtschaftszweig an Bedeutung – doch die Quellen blieben ein fester Bestandteil der städtischen Infrastruktur.

Öffentliche Brunnen

Mehrere Brunnen im Stadtgebiet sind frei zugänglich und werden regelmäßig technisch sowie hygienisch überwacht. Sie liefern unterschiedlich stark mineralisiertes Wasser. An einigen Brunnen weist die Stadt jedoch darauf hin, dass das Wasser ohne ärztliche Verordnung nicht für den täglichen Genuss vorgesehen ist, da der Mineralstoffgehalt teilweise sehr hoch ist.

Nutzung

Wer die Brunnen besucht, trifft dort Menschen mit sehr unterschiedlichen Nutzungsgewohnheiten. Einige kommen nur für einen schnellen Schluck, andere füllen mehrere Flaschen für den täglichen Gebrauch. Es gibt auch jene, die das Wasser zwar probieren, den stark mineralisierten Geschmack jedoch so ungewohnt finden, dass sie es freiwillig nicht trinken würden.

Unter den Besucher:innen ist auch eine ältere Frau, die einmal pro Woche nach Stuttgart fährt, um ihre Freundin im Pflegeheim zu besuchen. Bevor sie dorthin weitergeht, füllt sie am Brunnen eine Flasche und nimmt sie mit. Auf dem Heimweg trinkt sie sie aus – für sie ist dieser Halt zu einem routinierten Bestandteil des Besuchs geworden.

Ein Beitrag von Annika Erb, Theona Mumjyan, Paul Burkart, Anica Henrich

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